Ich lese gerade „Maverick!“ von Ricardo Semler, dem CEO vom Semco. Kurz zusammengefasst erzählt er dort, wie er das Unternehmen von seinem Vater erbte, wie ein typischer Manager agierte – und nach dem X-ten Kollaps beschloss, seinem Bauchgefühl nachzugehen und die ganze Firma umzukrempeln. Getreu dem Motto: „Sind unsere Mitarbeiter denn Kinder oder Erwachsene?“ übertrug er immer mehr Verantwortung auf die Mitarbeiter – bis hin zur Entscheidung, wie viel jeder an Gehalt bekommen soll. Ja, jeder entscheidet selber, was er an Gehalt bekommt.

Was zunächst wie ein Rezept für Chaos und Ruin klingt erwies sich als extrem erfolgreich. Streiks sind in diesem brasilianischen Unternehmen selten, die Effizienz ist sehr gut, der Turnover der Mitarbeiter außerordentlich gering. Ich könnte noch viel mehr darüber erzählen, aber darum geht’s mir nicht.

Vor etwa einer Woche habe ich von Birgit Rydlewkis Versuch gelesen, LdL (Lernen durch Lehren) in ihrem Unterricht einzusetzen (Toi, toi, toi!) und auch da bekam ich den Eindruck, es geht auch hier um eine Demokratisierung des Unterrichts, um das Übertragen von Verantwortung vom Lehrer zum Schüler, um den Schülern die Kraft zu geben, selber zu entscheiden, und so die Lernmotivation zu erhöhen (Birgit, bei mir wärst du in Mathe sowas von gescheitert…). LdL ist ein Konzept vom Pädagogen Jean-Pol Martin, den ich letztes Jahr auf der Open Mind 2010 der Piraten kennen lernte.

Zu meinem aktuellen Weltbild in der Hinsicht kommen Wikileaks, Anonymous und die Revolution in Tunesien.
Wikileaks demokratisiert den Informationsprozeß (wie auch immer man zu Assange steht), in dem es geheime Information an die Öffentlichkeit zerrt: von den Toll-Collect Verträgen zu den diplomatischen Depeschen der USA. Anonymous gibt den einzelnen Menschen die demokratische Macht zurück, Proteste effektiv einzusetzen (wobei ich eine differenzierte Meinung zu den DDoS Attacken habe). Die Revolution in Tunesien wäre ohne die von lokalen Piraten unterstützte Umgehung der Internet Zensur sicher nicht in dem Maße möglich gewesen (Der lybische Diktator hat YouTube als erstes blockieren lassen, als die tunesischen Proteste überschwappten…). Auch in Tunesien eine Demokratisierung der Information.

Und nun zurück zu Ricardo Semler. Beim Lesen von seinem Buch lehne ich mich zurück und überlege, wie ich in den letzten 10 Jahren (so ungefähr) mit meinem Mitarbeitern umgegangen bin.  Und auch wenn ich immer ein äußerst demokratischer Manager war, so werde ich ab sofort einen Schritt weiter gehen und Stück für Stück mehr Verantwortung an die Mitarbeiter geben. Noch mehr, um genau zu sein: die aktuelle Truppe kann kommen und gehen, wann sie will und kann kurzfristig entscheiden, von zu Hause aus zu arbeiten. Sie entscheidet auch selber über Lieferzeiten fertiger Module. Den Streit darüber mit dem Kunden überlassen sie dann mir.

Und natürlich drehen sich meine Gedanken bei der Lektüre auch um die Piraten und ihren Versuch, sich selbst sowie die Gesellschaft und deren Politik zu demokratisieren. Immer wieder überlege ich, wie weit man den Menschen komplette Verantwortung geben kann, ohne dass sie über Gebühr missbraucht wird. Ricardo Semler berichtet nach 24 Jahren von sehr guten Erfahrungen. Die Arbeiter sind meistens in kleinen Gruppen zusammen, in denen sie sich gegenseitig absprechen, aber auch gegenseitig durch Peer-Pressure kontrollieren. Auf die Gesellschaft übertragen sollten wir wohl den sozialen Zusammenhalt in kleinen Gruppen stärken, sowie die Kommunikation innerhalb der Gruppen sowie der Gruppen untereinander.  Doch funktioniert das? Schließlich gehen bestimmte anarchistische Theorien (Anarchosyndikalismus z.B.) von ähnlichen Konzepten aus…

Nein, ich habe noch nicht den Dreh raus, aber Semlers Buch hat mir einige Gedankenanstöße gegeben. Seit langem hat mich ein Buch nicht so stark beeindruckt und meine Gedanken geprägt.

Neben den Büchern von Herrn Semler kann man auch in folgenden Artikeln darüber lesen:
Die Befreiung der Arbeit: Das 7-Tage-Wochenende

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