Radikale Piraten, Teil 1

Anmaßung der Lauten
Lese einen interessanten Kommentar von James Besser in der International Herald Tribune, der mich zum Denken anregt. Darin wird beschrieben, wie sich die Republikaner in den USA  von radikalen Kräften haben vereinnahmen lassen, die nur die Meinung einer lauten Minderheit wiedergeben, die aber als die Meinung der gesamten Partei empfunden werden. Dasselbe Problem sieht der Autor in jüdischen Organisationen in den USA oder auch in der NRA.

Nun ist Radikalität bei den Forderungen nicht immer fehl am Platze. Doch die Radikalität, um die es mir geht, ist eher von der Art, die Forderungen präsentiert und durchdrückt. Wie das Beispiel der Republikaner und deren Tea Party klar macht, ist es das schrille Auftreten, das jeden als falsch angesehen Atemzug von Obama als Untergang des Abendlandes, der christlichen Kultur und als einen Schritt weiter in die Hölle sieht. Mit anderen Vorzeichen ist das eine Radikalität, die ich tagtäglich bei uns Piraten erlebe.

Denn das Problem der US-Republikaner sehe ich auch bei uns. Seit etwa einem Jahr lassen wir uns von Radikalen verleiten, die uns zu einer linken Partei umfunktionieren und eine „bessere“ Linke aus uns machen wollen –  unterstützt durch eine Presse, die lieber das Laute und Unvernünftige darstellt als die bedächtigen Töne.

Nur gibt es in Deutschland schon eine halbwegs große linke Partei. Was Deutschland fehlt – und was wir Piraten mal waren und wieder werden sollten – ist eine freiheitliche, liberale Partei, die sich um die Menschen kümmert. Eine Partei, die die Menschen nicht als Kollektiv ansieht. Eine Partei, die jeden einzelnen Menschen als handelndes, denkendes Individuum versteht, das aus freien Stücken entscheidet, dass die Zugehörigkeit zu diesem Staatsgebilde die bessere der möglichen Lösungen ist. Eine Partei, die für Freiheit, Menschenrechte und soziale Gleichheit kämpft. Und wer mir hier mit der FDP kommt, den lache ich herzlich aus. Die FDP ist eine ultrakonservative, marktradikale Partei, fest verankert im neoliberalen Glauben.

Jenseits von rot/grün/links/rechts beginnt die Freiheit
Was ich immer sympatisch fand an dieser, „meiner“ Piratenpartei war, dass wir die ideologischen Diskussionen ignorierten, die ich seit langem in linken und grünen Kreisen erlebte. Ich bin als Marxist aufgewachsen, in gemischten und doch stark links geprägten Kreisen, und war Mitglied der Grünen. Entsprechend kenne ich die Diskurse, die die Radikalen bei uns durchführen wollen, zur Genüge. Und deren Methoden.

Sie bringen in mir die Erinnerung an die Abscheu wieder, die mich von linken und grünen Kreisen entfernte. Zum einen sind die Diskurse extrem freiheitsfeindlich, zum anderen sind die Methoden übel: aggressiv, abgrenzend, boshaft. Diese Menschen scheuen nicht vor persönlichen Angriffen, vor Schmutzkampagnen, vor falschen Behauptungen und böse gestreuten Gerüchten zurück. Alles im Dienste einer Ideologie. Alles im Sinne einer Denkart, die alles und jeden böse nennt und (politisch) zu vernichten sucht, dass sich dieser Ideologie nicht unterordnet.

Absolutismus Totalitarismus ist Aggression
Und so versuchen diese Radikalen seit einiger Zeit, die Piraten in den Würgegriff ihrer Ideologie zu bringen. Es geht nicht mehr um Sachpolitik, es geht nicht mehr darum, was die vernünftige Lösung ist, die allen Seiten am besten nützt. Es geht darum, alles ihren ideologischen Schemata anzupassen. Und was nicht passt, wird passend gemacht. Wenn nötig, mittels Gewalt und Aggression.

Viele Piraten trauen sich nicht mehr, sachorientiert aktiv zu sein, weil sie mittlerweile das eine Mal zu oft von den Radikalen niedergeschrien, niedergemacht, verletzt wurden. Und nein, das Bonmot „ideologiefrei ist auch ideologisch“ akzeptiere ich nicht. Weder der Glaube an noch die Verblendung durch die Ideologie sind Teil einer sachorientierten, vernünftigen Politik.

Es reicht
Das sollten wir uns nicht gefallen lassen –  wir, die weiterhin sachorientierte Politik machen wollen, die eine Lösung auch dann in Betracht ziehen, wenn sie der eigenen Gedankenwelt nicht passt. Wir, die auch Menschen loben, die auf der vermeintlich „falschen“ Seite sind. Wir müssen wieder eine vernunftorientierte Alternative werden, denn sonst braucht dieses Land uns Piraten nicht.

Beispiele für die Aktivitäten der Radikalen unter den Piraten im nächsten Blogpost, Teil 2.

(Vielen Dank an @SteinHolzheim, @Frau_Semm, @ws_pirat, S. und @MoppleTheWhale für einen besseren Text)