Radikale Piraten, Teil 2

Vorab
Dieser Blogpost kommt eine Woche später als ich vorhatte, da ich gebeten wurde, erst nach der Landtagswahl in Niedersachsen zu schreiben. Zwar bin ich mir sicher, dass mein Blog nicht wahlentscheidend ist, aber es ist ja kein Problem zu warten. Die Probleme in unserer Partei sind eh nicht in einer Woche zu lösen.

Ich danke Andi Zottmann dafür, dass er mich darauf gebracht hat, dass die Personen, auf die ich mich beziehe, als Dogmatiker anzusehen sind. Damit vermeide ich es auch, alle Linken über einen Kamm zu scheren, was nun wahrhaftig falsch wäre. Ich bitte alle um Entschuldigung, die sich durch meinen ersten Blogpost angesprochen fühlten, obwohl sie nicht gemeint waren.

Auch danke ich der Person die mich darauf hingewiesen hat, dass „Absolutismus“ historisch wie semantisch ein falscher Begriff für das  ist, was ich anprangere. Ich habe ihn durch „Totalitarismus“ ersetzt. Ich finde deinen Kommentar oder Mail nicht wieder und kann dich nicht nennen.

Mir als Politologe ist klar, dass auch dieser Begriff hinkt, wird er eher für die Analyse politischer Systeme benutzt. Doch das Bestreben, wie in totalitären Systemen das Leben der Untertanen zu beherrschen, ist bei den Dogmatikern klar gegeben. Wer einen besseren Begriff kennt, darf in den Kommentaren gerne einen Vorschlag machen!

Kommen wir nun zum zweiten Teil. Ich habe beschlossen, die Beispiele so ungenau wie nötig zu halten, damit ich keine Namen nennen muss (die ich parat hätte).
Mir geht es darum Methoden bloßzustellen, nicht Menschen.

Ziel der Dogmatiker
Eines sollte uns von vorn herein klar sein: Die Dogmatiker suchen nicht den Diskurs. Sie wollen unsere Gedankenwelt ihrer Gedankenwelt unterwerfen. Sie empfinden dieses Handeln als völlig legitim, denn sie sind der Meinung, Träger der einzigen, allgemeingültigen Wahrheit zu sein.

Zweifel an ihren Methoden sind ihnen so fern wie Zweifel an ihren Positionen. Ihr Fanatismus führt dazu, dass ihnen jede Methode recht ist. Sie muss nur schnell funktionieren, am besten emotional treffen, gar verletzen. Mit einem Austausch von Meinungen und vielleicht einer Bereicherung der Gedankenwelt des Gegenübers haben diese Methoden nichts zu tun. Noch ein Mal: Ziel ist die Unterwerfung anderer Meinungen und, wo das nicht möglich ist, die Zerstörung der (politischen) Existenz des Gegenübers.

Im Gegensatz zu manchen meiner Gesprächspartner in den letzten Monaten bin ich nicht der Meinung, dass die Dogmatiker in irgendeiner Kaderschule irgendeiner Gruppierung waren, auch wenn ich das nicht ausschließen kann. Eine gewisse Nähe in der Gedankenwelt und den Methoden bestimmter radikaler Gruppierungen ist zwar nicht von der Hand zu weisen, aber ich glaube, sie sind „Naturtalente“.

Üble Methoden
Was sind die Methoden, die diese Dogmatiker nutzen, um sich durchzusetzen? Wie haben sie es geschafft, dass so viele Angst haben, sich zu äußern?

Die meisten Methoden basieren auf psychischer und verbaler Gewalt. Der einfachste Weg ist deutliche Gewalt wie Herumschreien, jemanden gezielt anschreien, am Telefon pöbeln.

Zwei Beispiele:
In Bochum haben wir drei Mal hintereinander über einen meiner Meinung nach guten Programmantrag abgestimmt, der die Inklusion von Ausländern forderte – und am Ende abgeschmettert. Es wurde heiß diskutiert, ob der Begriff „nationale Identität“ angemessen wäre. Nun, auch mir gefällt das Bild der „kulturellen Identität“ wesentlich besser, aber es kam in Bochum so weit, dass ich von einem Piraten angeschrien wurde, weil ich diese semantische Schlacht für Zeitverschwendung hielt. Wir hätten beim nächstmöglichen Parteitag die Worte austauschen können. Keine große Sache. Ich wette, ich war nicht der einzige, der von einem radikalen Piraten angeschrien wurde, weil er eine pragmatische Lösung suchte.

Das Pöbeln hat auch Folgen, die sich subtil äußern: Es gab in Offenbach einen Vorschlag, nationalistische Bestrebungen zu ächten, sie wie Faschismus und Totalitarismus zu behandeln. Nun, ich bin, wie man weiß, kein Nationalist –  alleine durch meine Lebensgeschichte könnte ich nie einer werden. Aber ich gönne jedem das Gefühl eines moderaten Nationalstolzes, so wenig ich ihn teile. Ein öffentliches Meinungsbild zeigte große Mehrheit für den Antrag. Tatsächlich kam der Antrag aber dank einer geheimen Abstimmung nicht durch (im Gegensatz zu Rheinland-Pfalz, wo Nationalismus leider in einer Reihe mit „rassistischen, ausländerfeindlichen, faschistischen, totalitären, diktatorischen Einstellungen“ genannt wird). Die geheime Abstimmung wurde notwendig, weil die radikalen Piraten die übliche Palette an Einschüchterungsmethoden ausbreiteten, um der Mehrheit ihren Willen aufzuzwingen. Ihre Methoden griffen jedoch nicht bei der geheimen Wahl. In Bochum wurde übrigens die Möglichkeit der geheimen Abstimmung erheblich eingeschränkt.

Manche radikale Piraten gehen sogar noch weiter. Problemlos steigern sie sich bis zur Androhung von Gewalt, oder zur Gewalt gegen Dinge (Reifen wurden zum Beispiel zerschnitten). Immerhin schreckten sie bislang (und soweit mir bekannt ist) vor tatsächlicher Gewalt gegen Menschen oder deren Haustiere zurück.

Einer der Dogmatiker steigerte sich jedoch sogar zu der Aussage, man müsse eine Person „anzünden“. Solche Aussagen sollten wir nicht in unserer Mitte dulden und wir sollten jede und jeden, der diese Aussagen tätigt, darauf hinweisen, dass seine Einstellung den Grundwerten der Piraten entgegensteht und er sie gründlich überdenken sollte.

Zu aggressivem Verhalten gehören natürlich auch Attacken „ad hominem“. In Reaktion auf meinen ersten Blogpost zum Thema bekam ich zu lesen: „Unsinn“, „ein Selbstporträt?“, „Aggressiv, Abgrenzend, Boshaft: Aleks Lessmann“, „demagogisch allgemeingültiger #bullshit“, „Demagoge“ und „an Lächerlichkeit kaum zu überbieten“ unter vielen anderen ähnlich gerichteten Adjektiven. Nach zwei Jahren im Landesvorstand Bayern können solche Attacken mir wahrlich nichts antun. Aber andere, weniger selbstsichere Menschen als ich, lassen sich von solchen Attacken einschüchtern.

Die thematische Auseinandersetzung mit meinen Aussagen fand ausschließlich in den Kommentaren des Blogs statt. Dafür danke ich der überwiegenden Mehrheit der Kommentatoren.

In einer Partei wie der Piratenpartei sind technische Mittel der Aggression auch vorhanden. DDoS Attacken sind einfach und wurden schon benutzt, aber auch das „Entführen“ eines Twitter Kontos, das eigentlich gemeinschaftlich verwaltet und genutzt wird. Dazu gibt es ein aktuelles Beispiel aus Bayern.

Es gibt viele Mittel psychischer und verbaler Gewalt. Wahrscheinlich sollte ich diesen Methoden einen eigenen Blogpost widmen (Teil 3, ick hör dir trapsen…). Ich möchte jedoch erst über ein anderes Mittel reden, das nicht so offensichtlich ist.

Semantik oder die Beherrschung der Kommunikationswerkzeuge
Dogmatiker haben, wie oben beschrieben, das Ziel, die Gedankenwelt zu beherrschen. Das schafft man hervorragend über Semantik. Die Dogmatiker ziehen gerne diese Karte. Da sie –  und nur sie – im Besitz der allein selig machenden Wahrheit sind, sind sie auch die einzigen, die die Sprache korrekt und allgemein gültig definieren können.

Der Rückgriff auf Semantik ist für Dogmatiker in vielerlei Hinsicht gut:
1.) Die Beherrschung des semantischen Feldes würgt jegliche Kommunikation ab. „Du bist noch nicht auf meinem Niveau angekommen. Ich warte, bist du das erreicht hast. Bis dahin ist eine Diskussion sinnlos.“
2.) Semantik stellt Dogmatiker als die einzigen dar, die alles richtig machen. Nur sie benutzen die Worte richtig. Alle andere müssen es noch lernen, die Ärmsten.
3.) Die Methode rückt den Sprechenden in die Defensive. Dieser weiß nicht auf Anhieb, was er in der Kommunikation falsch gemacht haben soll.
4.) Die Methode verwirrt den Sprechenden, weil er das bewegliche Ziel dogmatisch geprägter Semantik nie erreichen können wird. Beim Hinterherhecheln hinter den „richtigen“ Worten wird er oft vergessen, was er sagen wollte.
5.) Dogmatiker brauchen sich nicht um die Argumente des Sprechenden zu kümmern. Da das Gegenüber eine „missratene“ Semantik benutzt, erübrigt sich die Diskussion, bis es endlich vernünftig wird und die richtige Semantik benutzt. (Eng verbunden mit 1.))

Mit Semantik erreicht es ein Dogmatiker, den Gegner inaktiv und mundtot zu machen. Erst dann, wenn sich keiner traut gegen den Dogmatiker zu sprechen, hat er sein totalitäres Ziel erreicht: Die Meinungshoheit im öffentlichen Raum. Die Gedanken sind frei, aber wenn keiner sich traut sie zu äußern nicht viel wert.

Ein schönes Beispiel für Aggression und Semantik zugleich ist das (Un-)Wort von der „Zeitelite“, die zu den Parteitagen geht.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wer Einsatz zeigt und zu einem Parteitag geht, möglicherweise das letzte Geld vom eigenen Konto dafür einsetzt, gehört zu einer „Elite“. Dass das Wort „Elite“ für die radikalen Piraten grundsätzlich negativ geprägt ist, sollte jedem klar sein. Somit erreicht der Dogmatiker sehr schnell sein Ziel. Wer Einsatz zeigt, ist als Elitist diskreditiert. Als jemand, der sich selbst als besser sieht als sein Gegenüber. (Persönlich finde ich eine der sympathischen Eigenschaften des reinen Buddhismus den Drang, jeden Tag ein besserer Mensch zu sein als am Tag zuvor, aber ich schweife ab…)

Gleichzeitig wird das Opfer, das viele Piraten für die Partei bringen als etwas Böses dargestellt: Zeit. Wer Zeit hat UND sie für die Partei einsetzt, gehört zu einer Elite. Ist i-Bäh, verpönt, letztendlich böse. Eine semantische Verdrehung, die in ihrer Genialität in Orwells „1984“ gehört. Und die Nutzung ist durchaus aggressiv. Darauf aus, andere auszugrenzen, sie nieder zu machen.

Was tun?
Der erste und einfachste Schritt ist, die Personen, die diese Methoden benutzen, darauf hinzuweisen was sie gerade tun. Bei jemandem, der die Methoden unreflektiert benutzt hat, wird es hoffentlich zum Nachdenken führen. Jemand, der die Methoden gezielt verwendet, wird sich hoffentlich ertappt fühlen.

Sollte die Person die Methode oder Methoden weiterhin benutzen, so sollte man das öffentlich anprangern und das Umfeld auf die unfairen Praktiken, die sie anwendet, aufmerksam machen. Hoffentlich wird Peer-Pressure dazu führen, dass die Nutzung solcher Methoden aufhört.

Wir sollten den Dogmatikern klar machen, dass sie ihren Ton mäßigen müssen, dass sie ihre Methoden darauf prüfen müssen, inwiefern sie Gewalt ausüben. Und wir müssen ihnen klar machen, dass ein solches Verhalten inakzeptabel ist.

Piraten sollten hart in der Sache aber respektvoll mit den Menschen sein. Alles Andere ist Totalitarismus.

Wenn ihr auch Beispiele für aggressive Methoden radikaler Piraten kennt, könnt ihr sie mir (natürlich auch anonym über die Privacybox) gerne zukommen lassen oder in die Kommentare schreiben. Es wird Zeit, dass wir diesen Praktiken Einhalt gebieten. Wir Piraten haben viel zu tun. Wir sollten uns von den Dogmatikern nicht davon ablenken lassen, die miserable Politik der Etablierten der letzten 30 Jahre zu korrigieren.

Vielen Dank an @Gondrino @Frau_Semm @donaupiratin @andres_paniagua @Deanna030 @ws_pirat und an S. für das Verbessern des Textes. Fehler wiederum gehen auf meine Kappe.

[UPDATE] Habe im Nachgang ein Paar interessante Links bekommen, die ich unkommentiert weitergebe:
Die Diskriminierer
Femtrolls, Gender-Fuuuu
Gender-Trolle und Godwin-Leugner (Den habe ich vergessen, im Text einzubinden)